Aniimo im Test: 140 Stunden später
Ein kostenloses Sammel-Rollenspiel, das seine beste Idee nicht im Fangen hat, sondern im Verwandeln. Nach über 140 Stunden ein Urteil – mit zwei Einwänden.
Worum es geht
Aniimo ist im September 2026 erschienen, kostet nichts und wirkt auf den ersten Blick wie das, was man erwartet: offene Welt, Wesen fangen, Mannschaft aufbauen. Nach über 140 Stunden kann ich sagen, dass die Erwartung an einer Stelle gründlich daneben liegt.
Die Idee, die den Unterschied macht
Man schickt seine Aniimo nicht in den Kampf. Man wird sie.
Das Spiel nennt es Verschmelzen, und es klingt harmloser, als es ist. Wer die Gestalt eines gefangenen Aniimo annimmt, übernimmt dessen Element, dessen Werte und dessen Fähigkeiten – und steht damit selbst in der Elementtabelle. Ein Feuer-Aniimo zu sein heisst, gegen Eis und Gras das Anderthalbfache auszuteilen und gegen Wasser und Fels dasselbe einzustecken.
Das verschiebt die ganze Aufmerksamkeit. In einem Sammelspiel überlegt man normalerweise, wen man vorschickt. Hier überlegt man, was man selbst sein will – und das ändert sich im Kampf mehrmals.
Aussserhalb der Kämpfe wirkt dieselbe Mechanik als Schlüssel: Manche Stellen der Welt sind nur in der passenden Gestalt zu erreichen. Das ist deutlich besser gelöst als die üblichen Fortbewegungs-Fähigkeiten, die man einmal lernt und dann vergisst, weil hier jede Gestalt noch einen zweiten Zweck hat.
Wie viel wirklich drinsteckt
Der Bestand ist grösser, als die Zahl der Wesen vermuten lässt:
| Aniimo | 86 |
|---|---|
| davon mit mehreren Formen | 58 |
| Formen insgesamt | 206 |
| Fähigkeiten | über 300 |
| Elemente | 9 |
| Rollen | 5 |
| Aufträge | 118 in 34 Reihen |
Von den Aufträgen sind 15 die Hauptgeschichte, verteilt auf fünf Kapitel. Der grosse Rest ist Nebenbeschäftigung: 52 Reiseaufträge, 29 rund um das Wohnmobil, dazu Aufstiegsprüfungen und zeitlich begrenzte Ereignisse. Wer nur der Geschichte folgt, ist in einem Bruchteil der Zeit durch – und hat das Spiel nicht gesehen.
Die Formen sind der eigentliche Reiz. Ein Aniimo kann als Hochland-, Strand-, Gewitter- oder Prismana-Form auftreten, und die Form ändert nicht die Werte, sondern das Element. Dasselbe Gluwelp teilt als Hochland-Form zusätzlich Fels aus. Dieselbe Dornklinge bringt als Prismana-Form Wasser mit, als Gewitter-Form Elektro.
Damit wird Teambau zu einer echten Aufgabe. Es geht nicht darum, die vier mit den höchsten Zahlen zu nehmen, sondern darum, mit vier Plätzen möglichst viele der neun Elemente abzudecken – und die Formen sind das Werkzeug dafür.
Die Kämpfe
Echtzeit, fünf Rollen: Schaden, Heilung, Unterstützung, Bruch und Regeneration. Bruch ist dabei der interessanteste Posten, weil er nicht einfach „mehr Schaden" bedeutet, sondern Gegner aufbricht und die Mannschaft dadurch überhaupt erst zum Zug kommen lässt.
Angenehm ist, dass die Elementtabelle kein Fallbeil kennt. Drei Werte, und der schlechteste ist immer noch 0,625 – kein Treffer geht ins Leere, keine Begegnung ist durch die falsche Wahl verloren. Man wird bestraft, aber nicht ausgeschlossen. Für ein Spiel, das man abends eine Stunde spielt, ist das die richtige Entscheidung.
Eierraub
Der Wettkampfteil heisst Eierraub, und er ist der Grund, warum ich nach hundert Stunden noch dabei war. Ein Dreierteam landet auf den Verlorenen Inseln, sucht ein Ei und bringt es zum Boot. Dazwischen steht die Insel, und es sind andere Teams unterwegs, die dasselbe vorhaben.
Was daran funktioniert: Es gibt nichts zu lernen, was man nicht im Hauptspiel schon gelernt hätte. Dieselben Elemente, dieselben Rollen, dieselbe Verwandlung – nur dass der Gegner diesmal mitdenkt. Und weil man verliert, was man dabeihatte, überlegt man sich jeden Schritt zweimal.
Heimatland
Dazu kommt das Gegenteil: ein eigener Platz mit Wohnmobil, Anbau und Einrichtung, auf dem die eigenen Aniimo untergebracht werden. Kein grosses System, aber eine gute Entscheidung – nach einer verlorenen Runde Eierraub will man genau das.
Zwei Einwände
Es läuft nur online. Immer. Kein Offline-Modus, keine Pause-Taste, die wirklich pausiert. Bei einem Spiel, das zur Hälfte Einzelspieler-Erkundung ist, bleibt das ein Ärgernis – und in ein paar Jahren ist es die Frage, ob man es überhaupt noch starten kann.
Deutsch nur als Text. Gesprochen wird Englisch, Japanisch, Koreanisch oder Chinesisch. Die Übersetzung selbst ist gut und trifft den Ton; sie hat nur Löcher. Zwei Aniimo und zwei Fähigkeiten tragen im deutschen Wiki noch ihre chinesischen Namen, und für das Gebiet, das am 29. Oktober dazukommt, gibt es bisher keinen deutschen Namen.
Dass das Spiel kostenlos ist und Käufe anbietet, führe ich nicht als Einwand: Nach 140 Stunden ohne einen Cent habe ich nichts gefunden, das sich wie eine Mauer anfühlt.
Fazit
Aniimo nimmt eine Gattung, die seit dreissig Jahren dieselbe Frage stellt – welches Wesen schicke ich vor? – und ersetzt sie durch eine bessere: welches Wesen bin ich jetzt. Darauf ist alles andere aufgebaut, von den Formen bis zum Eierraub, und es trägt über hundert Stunden.
Wer Sammelspiele mag, sollte es sich ansehen. Es kostet nichts ausser der Verbindung, die man ohnehin hat.